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Herr Alfred R. wird 1919 im thüringischen Eisenberg geboren. Eisenberg ist damals noch ein blühender Industriestandort: Porzellanmanufakturen und Wurstfabriken gehören zu den Hauptarbeitgebern. Die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise auf den deutschen Markt sind jedoch auch hier massiv zu verzeichnen. Herr R. beschreibt tägliche Einsätze von Überfallkommandos gegen Arbeitslose, die ihren Frust auf die Strassen tragen. Seine Kindheit ist von der Region geprägt, diesem „Holzland“. Häufig gehen Herr R., seine zwei Brüder und ihre Freunde in die Wälder um Eisenberg. Herr R. erinnert sich, wie die Truppe einmal den Bach anstaut, dessen Zulauf zum örtlichen Wasserwerk führt. Die Mitarbeiter treiben die Jungs sofort vor den Direktor der Jungenschule, die Herr R. besucht. Die Familie lebt von der Bäckerei des Vaters und auch Herr R. geht mit 14 Jahren in die Bäckerlehre. Diese absolviert er in Jena bei einem Meister, der R. in sein Haus aufnimmt und gleichzeitig ein Verbot ausspricht, das Herrn R., wie er heute sagt, vor der Hitlerjugend bewahrte. Im Haushalt des Bäckers herrscht ein strenger Ton und die Arbeit als Bäckerlehrling – frühes Aufstehen, Wochenenddienste – schränken Freizeitaktivitäten ein. Erst nach der Lehre, so Herr R., kann er ausgehen, sich ausleben. Zu dem Zeitpunkt habe er gewußt, er wolle noch etwas erleben. So meldet er sich zur Arbeitsfront und geht auf Gesellenwanderung, die von dieser NSDAP-Gewerkschaft organisiert wurde. Zu Fuß, mit nur wenig Tagegeld, wie es die Regeln dieser Wanderschaft erfordern, kommt er bis nach Lüneburg. Dort wird Herr R. von einem Bäckermeister – einem treuen NSDAP-Mitglied – angesprochen und für den Einsatz in Marienberg, Lettland angeworben. In die dortige Bäckerei seines neuen Arbeitgebers kommt Herr R. im Frühjahr 1938 und bleibt ein knappes Jahr bis ihn der Reichsarbeitsdienst nach Polen abkommandiert. Es heißt, Panzergräben auszuschachten.
Natürlich stehen damit schon alle Anzeichen auf Krieg. Im September 1939 wird Herr R. in die Kurhessische Kaserne nach Frankfurt am Main eingezogen. Von dort aus geht es in das besetzte Paris. Die Kompagnie wird im ehemaligen französischen Luftwaffenministerium untergebracht und Knapp vier Wochen später wird Herr R. abgezogen und zum militärischen Drill in den Thüringer Wald verschickt. Auf einmal kursiert das Gerücht, es ginge zum Einsatz nach Persien. Anlass dazu geben die Moskitonetze, mit denen die Truppe ausgestattet wird. Es heißt, der Seeweg solle über St. Petersburg genommen werden mit dem Hinweis auf den bestehenden Nichtangriffspakt zwischen Russland und Deutschland. Beim Betreten des Schiffes in Danzig beobachtet man noch neugierig einen russischen Frachter, der Getreide löscht. Als die Fahrt am nördlichen Punkt Finnlands plötzlich endet und die Truppe an Land gelassen wird, tritt der Kompaniechef vor seine Männer und verkündet Hitlers Befehl, den „Erzfeind“ Russland anzugreifen. Ein undurchschaubarer Stellungskrieg in den dichten finnischen Wäldern beginnt und sollte sich bis nach Murmansk und das Kriegsende hinziehen. Ein Querschläger nimmt Herrn R. das rechte Auge und sorgt 1943 für seine frühzeitige Entlassung aus der Wehmacht. Nach der Genesung bewirbt er sich nach Magdeburg in eine Bäckerei, die von seiner späteren Frau geleitet wird. Im Januar 45 überlebt er im Keller unter der Bäckerei den Bombenangriff auf Magdeburg. Die Brände zerstören ganze Strassenzüge. Auch die Bäckerei ist nicht mehr vorhanden. Menschen werden in die Flammen hineingezogen, Bekannte Rs sterben. Mit Mühe schaffen es die Reinholds, sich provisorisch in einer verwaisten Backstube einzurichten. In kurzer Folge wird die Stadt von den Amerikanern, später von den Russen eingenommen. Herr R. beobachtet, wie über Nacht alle Anzeichen auf NSDAP und Führerkult aus dem Stadtbild verschwinden, Verantwortliche untertauchen und die provisorischen Barrikaden von amerikanischen Panzern geräumt werden. Russische Truppen patrouillieren da schon auf de Ostseite der Elbe. Mit dem Kriegsende kommen auch die rechtmäßigen Besitzer der Bäckerei, die die Rs betreiben, zurück. Das Paar zieht aufs Dorf in die Nähe von Egeln. Kurz darauf stirbt der Vater in Eisenberg und Herr R. sieht sich gezwungen, seine Mutter in der Familien-Bäckerei zu unterstützen. 1950 geht das Ehepaar R. nach Leipzig und baut sich ein eigenes Geschäft auf. Mitte der 50er Jahre wird auch das Bäckereihandwerk verstaatlicht, dazu die Rohstofflieferungen reglementiert. Herr R. schließt sich als Bäcker der HO an und arbeitet im Schichtbetrieb. Seine Frau näht in Heimarbeit Puppenkleider für einen Markkleeberger Betrieb. Nach 15 Jahren im Schichtsystem findet Herr R. eine Stelle in der MITROPA-Bäckerei. 10 Jahre arbeitet er nun noch bis zur Pensionierung unter dem Dach des Hauptbahnhofes. Besondere Momente erlebt er dort, wenn zur Leipziger Messe hochrangige Politiker, Künstler und Staatsgäste in den unteren Sälen bedient werden müssen. Heute lebt Herr R. mit seiner zweiten Frau und zwei Katzen in der Leipziger Südvorstadt.
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