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denkMALE – Lebensgeschichten zwischen
Authentizität und Improvisation

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Gertraud Borck

Frau Borck wurde 1922 in Göbschelwitz, bei Leipzig geboren. Sie ist das erste Kind aus der dritten Ehe ihres Vaters. Ihre Mutter hatte trotz aller Warnungen diesen Mann geheiratet, wohl mehr aus Mitleid, denn aus Liebe. Neben ihren beiden Halbgeschwistern bekommt sie 1939 noch eine jüngere Schwester. Der große Altersunterschied der Kinder sorgte dafür, dass es nie ein gemeinsames Familienfoto mit allen Familienmitgliedern gab. Der älteste Bruder Oskar ging 1939 in den Krieg, aus dem er nicht zurückkam, während ihre jüngste Schwester gerade erst geboren wurde.

Mit ihren Geschwistern wuchs sie in der Dorfschule auf. Während im Erdgeschoss der Unterricht stattfand, lebte die Familie im ersten Stock des Schulgebäudes. Neben der Lehrertätigkeit war der Vater auch Kantor in der Gemeinde, so dass die Religion schon früh ein Teil ihrer Erziehung wurde.

Trotzdem die Familie nicht viel Geld hatte, wurden immer schöne Feste gefeiert. Ostern und Weihnachten waren die wichtigsten Feiertage in der Familie. Es gab ein „gutes Zimmer“, das nur zu den wichtigen Ehrentagen benutzt wurde. Es wurde viel gesungen und der Vater spielte Klavier.

Anders als die Bauernkinder musste Frau Borck nicht in einem landwirtschaftlichen Betrieb helfen. Um aber ein wenig Geld zu verdienen, half sie in den Herbstferien bei der Kartoffelernte und dem Rübenziehen. Von dem verdienten Geld wurden Geschenke für die Eltern gekauft. Da es im Dorf nur einen kleinen Kolonialwarenladen gab, fuhr sie zum Einkaufen mit dem Fahrrad nach Wiederitzsch oder Leipzig.

Von den politischen Entwicklungen blieb das Dorf lange Zeit unberührt, Gewalttaten und Aggressionen bekam sie kaum mit. Die Parteistrukturen griffen kaum in die dörflichen Strukturen ein. Die Mitgliedschaft im BdM empfand sie nicht als unangenehm, denn es war die einzige Möglichkeit einmal aus der gewohnten Umgebung herauszukommen – Ferienlager, Ausflüge usw.

Gertraud Borck

Reisen beschränkten sich sonst auf die Sommerferien bei den Großeltern mütterlicherseits in Rückmarsdorf oder sehr selten auf den elterlichen Hof des Vaters im Erzgebirge.

Nach den ersten Schuljahren in der Dorfschule besuchte sie später die „höhere Schule für Hauswirtschaft in Leipzig“. Allerdings hinderten sie der ausbrechende Krieg und der damit verbundene „Reichsarbeitsdienst“ daran, ihre Ausbildung zu beenden. Stattdessen  wandte sie sich der Kinderbetreuung zu und absolvierte eine Ausbildung zur Kinderpflegerin.

Die Kriegsjahre verbrachte sie als Kinderpflegerin in einem kleinen Dorf im Warthegau (Polen). Die Kinder, die sie betreute konnten kaum oder gar kein deutsch, aber man verständigte sie irgendwie.

Die Eltern am Ort schickten nicht nur ihre kleinen Kinder zu ihr, sondern auch die Söhne, die als Soldaten auf Heimaturlaub waren. Da man nicht ausgehen konnte, beschäftigte man sich mit Karten spielen und Radio hören. Man freundete sich an, jedoch blieb nie Zeit für eine tiefere Bekanntschaft, da viele der jungen Männer nicht wieder kamen.

Während dieser Zeit führte sie eine zeitlang eine Beziehung mit einem Arbeitsdienstführer, die allerdings an dessen Einstellungen und Forderungen scheiterte. Frau Borck war schon früh von ihrem Vater zu Selbständigkeit erzogen worden und wollte sich diese nicht nehmen lassen.