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Heinz Becker wurde 1926 in Rundling bei Lößnig geboren. Seine Mutter stammt aus bürgerlichen Verhältnissen, sein Großvater war Großhandelskaufmann, und da er als unehelicher Sohn zur Welt kam, war seine Geburt durchaus ein Skandal. Aber mit einem weiteren Skandal fügten sich die Familienverhältnisse für H. Becker zu einem passenden Ganzen: Auch die zweite Tochter des Großhandelskaufmanns bekam einen unehelichen Sohn. Der Vater dieses Kindes und H. Beckers Mutter gefielen sich, heirateten und bildeten eine Familie: Neben seiner Mutter gab es jetzt den Vater des Sohnes der Schwester der Mutter, von dem H. Becker immer, wenn er auf ihn zu sprechen kommt, reflexartig einschiebt, dass es ja nicht sein wirklicher Vater, aber dass er wie ein Vater war und dass es keinen Unterschied machte; Und es gab in dem neuen Familienprojekt den Sohn des Vaters, der zwar nicht sein wirklicher Bruder, aber genau wie ein Bruder für ihn war. In einer unbenutzten Fabrikhalle in der Langen Straße fanden sie in Leipzig einen Platz zum wohnen. Aus gefundenen Materialien baute der sechsjährige Heinz mit seinem Vater Möbel, in den Wohnungen wurde viel geklaut, die Polizei ging ein und aus, was man brauchte, suchte man sich von der Straße (oder eben in anderen Wohnungen). Sein Vater war arbeitslos (vorher Desinfektor, angestellt bei der Stadt), seine Mutter arbeitete als Reinemachefrau bei Woolworth in der Eisenbahnstraße. In den 20 Jahren verfolgte Leipzig in vier Abschnitten ein Programm des sozialen Wohnungsbaus: Die Abschnitte waren die Arbeitslosensiedlung, die SA-Siedlung, die Siedlung am jetzigen Flughafen und eine Siedlung in Mockau, die 1929-30 fertig wurde und in der die Beckers eine Wohnung abbekam. Der Vater half für einen Zusatzlohn zum Arbeistlosengeld beim Bau mit – Arbeistdienst nannte sich das (Ein-Euro-Job heute). Die Wohnung der Beckers befand sich im Abschnitt „Notwohnungen“, die direkt am Bahnhof gelegen war und bei den damaligen Dampflocks für die dahinter liegenden „Beamtenwohnungen“ so etwas wie einen Rußfilter und Lärmwall bildete. Es gab eine „große, schöne Schule“, viel Polizei, die dafür sorgen, dass die Kinder sich an das Verbot hielten, auf der Straße zu spielen. Es gab viele Kinder, die trotzdem spielten, jede Lock kannten, Murmeln auf die Straße warfen um zu sehen, welche am höchsten springt und es gab Heinz, dem es gelang, dass bei diesem Spiel seine Murmel das Fenster ausgerechnet einer doppelt verglasten Beamtenwohnung durchschoss… In dieser Zeit stieß Heinz zum ersten Mal auf den wunden Punkt seines Körpers, der in unterschiedlichen Variationen sein Leben lang Verletzungen auf sich ziehen sollte: Eine Verletzung am Kopf. In Begleitung seines Großvaters hört Heinz, bei einem Arztbesuch wegen Masern, dass er Wasser im Ohr hat. Seinen Großvater sieht Heinz als eine erhabene Gestalt, aufrecht und groß, ein Kerl, „wie Bismark“. Im Laufe seines Lebens findet die Bismark/Großvater-Gestalt ihren Wiedergänger in verschiedensten Variationen, als Chef, als General, als Schwiegervater…. Angesichts der würdigen Gestalt des Großvater war, beim Arztbesuch, höchste Aufmerksamkeit sowie höchste Zurückhaltung angesagt, nachgefragt wurde nicht, auch wenn es um ihn und um seine, scheinbar durchaus bedenkliche Krankheit ging. Bei der Musterung kam dann der Schlag: Wegen seinem Ohr wurde er doch tatsächlich eingestuft als „Ersatzreserve II C Garnisionsdienst verwendungsfähig Heimat“, ausgemustert sozusagen. „Sie brauchen keine Angst zu haben, sie können sich freuen“, meinte der Arzt, und Becker wusste nicht, wie er sich mit dieser Erniedrigung freuen sollte. Eingezogen werden und Anerkennung finden in Armee und HJ, das hatte, auch für Heinz, die Gewalt des absolut Selbstverständlichen, da waren jedem die Laufbahnmöglichkeiten von der gewöhnlichen HJ bis zur Marine-HJ bekannt, da konnte auch sein Vater, der Kommunist war, nichts ausrichten. Schließlich wartete die Armee mit guten Schuhen, guter Kleidung und gutem Essen auf, allgemeine Mangelware und Dinge, die Beckers Herz Zeit seines Lebens höher schlagen lassen und zum Schwären bringen. Auch der Umzug 1937 von den Notwohnungen in die eigentliche Siedlung, in der jede Wohnpartei einen kleinen Garten, ein Kaninchen und ein Huhn bekam, trug zu seinen damaligen positiven Assoziationen zum Nationalsozialismus bei. Die finsteren Seiten sah er erst später, durch seinen Vater. Was und wie viel Becker damals von dem KZ nahe des Ritterguts, wo der Vater immer Milch und Fleisch kaufte, wusste, wird nicht klar. Es sieht so aus, als sei es ihm selber nicht klar, als könne er selber rückblickend Verdrängung und Unwissenheit nicht mehr entzerren. Der einzige, der sich über Beckers Musterungsergebnis freute, war sein Chef. Becker war zu dieser Zeit nämlich Lehrling als Setzer. Nebenbei besuchte er Grafik-Kurse. Zwischendurch bekam er von der HJ eine Förderung für seine Grafikerarbeit und wurde nach Koblenz auf ein Treffen und einen Lehrgang entsandt. Als der Krieg voranschritt, wurde er nach Neustrelitz zur Nachmusterung bestellt und weiter nach Flensburg in eine „herrliche, kleine Kaserne“ mit einer „herrlichen, großen“ Sporthalle gebracht. Die Zeit der Ausbildung bildet für ihn eine gute Erinnerung. Durch seinen Fleiß, seine Intelligenz und Geschicklichkeit, die er anpassungsfähig und untergeben in den Dienst der Vorgesetzten stellte, wurde er immer wieder zum Vertrauten und ‚Liebling’ der Vorgesetzten und bekam deren ‚menschliche’, ‚bildungsbürgerliche’ Seite geboten. Die Vorgesetzten waren meist von einem Rittergut, bekamen von dort Pakete mit Essen geschickt, an denen sie Becker teilhaben ließen. Becker zeigte sich ehrenhaft zu seinen Kollegen, indem er ihnen, obgleich selber satt, beim Kartoffelklauen half, den Kollegen seine Ration überließ oder ihnen gar von den Leckereien des Ritterguts mitbrachte. Salutierend, in maßgeschneiderter Uniform, in der Kapelle Querflöte spielend verbrachte er friedliche Tage in Flensburg, ohne Sirenen und Trommelfeuer. Trotzdem zog er sich die erste Kopfverletzung zu: Bei der Übung „Salutieren mit ausgestrecktem Seitengewehr“ haut, als sie es besonders gut machen wollen, weil der Oberstleutnant zuschaut, aus Versehen der Hintermann das Gewehr ihm in den Hinterkopf. Er geht zu Boden, kann lange keinen Helm und keine Gasmaske tragen und wird als Hilfsausbilder eingesetzt. Aber auf einem solchen Aufstieg hatte er keine Lust und trat von dieser Position zurück, weil er seine Kumpels nicht anschwärzen mochte. Er wurde zur Ausbildung in der Steuermannsschule nach Liebau in Lettland abkommandiert. Hier begann eine Zeit, in der er mit seiner Kompanie von Ort zu Ort transportiert wurde, ohne Informationen, ohne zu wissen, wohin, an welcher Front er schließlich herauskommt. Zunächst wurde die Kompanie zur Verteidigung einer „Igelstellung“ in Libau bestellt (in diese Zeit fällt das Hitler Attentat, woraufhin der militärische Gruß abgeschafft und nur noch der Hitler-Gruß erlaubt wird und die Soldaten drei Stunden im unter Schussgefahr stehenden Hohlweg Salutieren üben). Nach mehreren Zwischenstationen kam Becker, der mittlerweile zum „Melder und Burschen“ des Leutnants ernannt war, mit seiner Kompanie nach Jülisch, bei Aachen, wo er das erste mal, noch weit entfernt, Kanonenfeuer hörte. Eines Nachts ging es „direkt an die Front“, in ein Rübenfeld, dort wurde der Leutnant, dessen Bursche er ist, von einer Kugel getroffen. Die Truppe musste ihn zurücklassen. Becker merkte mehr und mehr, dass die „gute Organisation der Armee“ nur eine Inszenierung war, dessen Eindruck nach innen aufrecht gehalten werden konnte: Im wirklichen Gefecht fehlte es dann an Monition und an richtigem Kartenmaterial. Es begannen Wochen, in denen Becker in knietiefem Matsch in Schützengräben lag, immer wieder Kollegen sterben sah und schießlich auch selber von Kranatensplittern durchschossen wurde und fast im Matsch des Schützengrabens ersoff. Er redet von Glück, dass ihm die Kopfseite weggesprengt wurde, die sowieso schon kaputt war. Die Amerikaner ließen ihn, verwundet und ungefährlich, wie er war, zurück. Mit einem Verwundetenzug, der dreimal bombardiert wurde, kam der Schwerstverletzte nach Unna in Westfalen und bald weiter nach Apolda ins Lazarett. Für Becker, der bei jeder Kopfbewegung in Ohnmacht fiel, den sein Vater aufgrund seines zertrümmerten Gesichtes nicht mehr erkannte, begann ein Leben in verschiedenen Lazaretten und Genesungsstufen. Nach und nach kehrte seine Sehkraft zurück, er fiel nur noch bei bestimmten Kopfbewegungen in Ohnmacht und er fand in einem Oberstleutnant einen patenten Schach und Skatmitspieler. Als das Lazarett in Apolda geräumt werden musste, weil die Amerikaner vorrückten, hatte er die Entscheidung, auf eigene Faust zu seinen Eltern zu fahren, oder in Gefangenschaft zu gehen. Mit einem Freund fuhr er zu den Eltern, da er aber als „Inoffizieller“ keine eigenen Essensmarken hatte, konnte er dort nicht überleben. Er musste sich ein Lazarett suchen, in dem er zur ambulanten Pflege angemeldet und wo er mit Nahrung versorgt war. Während alle Lazarette vollkommen überfüllt waren, fand er in der ehemaligen Taubstummenanlage in der Nähe des Völkerschlachtdenkmals einen fast paradiesischen Ort, mit einer vorzüglichen Besetzung an Ärzten und zuvorkommenden Nonnen, wo man aus unerklärlichen Gründen auf Patienten wartete, um sie mit medizinischen Bädern und üppigem Essen zu verwöhnen. Er kam sich vor, wie im siebten Himmel. Allerdings wurde mehr und mehr ersichtlich, dass es früher oder später aus sein würde mit dem süßen Leben im geschützten Raum mit netten Nonnen und Schoka-Kola. Entsprechend effektvoll war dann auch der Akt, in dem die Alleierten das Lazarett einnahmen: Mit einem Jeep, in dem 6 schwarze amerikanische Soldaten sitzen, „mehr auf den Lehnen als auf den Sitzen“, fahren sie mit dem Gefährt die breite mayestätische Einganstreppe der ehem. Taubstummenanstalt hoch und durchbrechen die Tür. Becker wurde mit etwa 1200 anderen nach Naumburg auf ein großes Feld gebracht und daraufhin mit Stacheldrahtspiralen eingezäunt. Ohne Decken und Jacken lagen die Gefangenen dort bei Wind und Wetter im Freien. Ständig starben Gefangene, fielen aus Erschöpfung in die Ladrine. Nach einigen Wochen kamen zum ersten Mal Ärzte und wählten jeden Tag hundert Leute aus. Irgendwann war auch Becker dabei. Aus Lust, sich zu Duschen, übergeht er beinahe seinen wohl wichtigsten Antrittsbefehl, bei dem er, in Unterwäsche, die Uniform im Arm, aufgerufen wurde. Bald stellte sich heraus: es ging nach Hause. Zu Hause gab es nichts zu essen. Becker machte sich auf Arbeitssuche. Als in seiner ehemaligen Firma der Chef ihm eine hoffnungslose „ich meld mich, wenn was is“-Absage erteilt, dämmerte ihm, dass es als Setzer in einer Druckerei keinen Zweck hatte zu suchen – Von einer Industralisierung gab es in Deutschland nur noch Trümmerspuren. In Grimma fand Becker eine Arbeit als Knecht. Sein unbedingter Arbeitswille setzte sich durch gegen die Kopfverletzung, die noch lange nicht überstanden war und ihn immer wieder an den Rand der Bewusstlosigkeit brachte. Nur ein einziges Mal stritt er mit seinem Chef, das war, als er nach zwei Jahren heiratete, ins Nachbardorf, nach Otterwisch, zu den Schwiegereltern zog und kündigen musste, um an anderer Stelle genügend Geld zu verdienen, um eine Familie zu ernähren. 1947 wurde seine Tochter geboren, bis 1962 folgten noch zwei Söhne und eine zweite Tochter. Er arbeitete wieder als Setzer im VEB, half seinem Schwiegervater, der Malermeister war und bekam 1959 ein Stipendium zur Fortbildung als Kunstlehrer. 1961 bekam er eine Stelle an der Schule in Rötha. Er tauschte seinen Garten gegen ein Motorrad - eine Sportmaschine - mit der er zur Arbeit fuhr und irgendwann das erste mal „einen Urlaub probiert“ – „der Kleine hinten drauf, der Große im Beiwagen, vorne einen Sack Kartoffeln, oben drauf das Zelt und Gepäck.“ …
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