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denkMALE – Lebensgeschichten zwischen
Authentizität und Improvisation

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Konzept

Die Gesellschaft altert. Wir bemerken es kaum, wenn wir im TV Protagonisten sehen, die selten die 50 überschreiten. Wir arbeiten in „jungen Teams“, leben als Singles oder in Kleinstfamilien. Die Generationen sind äußerlich kaum mehr zu unterscheiden: Mutter und Tochter gehen in dieselben Läden einkaufen, gebrauchen ähnliche Sprachstile, hören die gleiche Musik. Die älteste Generation dagegen lebt zurückgezogen in „Seniorenresidenzen“ oder vereinsamt in der Nachbarschaft. So ist der Eindruck entstanden, die Generation der Groß- und Urgroßeltern, die die „großen“ Geschichten erzählen können, gehen uns nichts mehr an, sie bergen keinen Rat und Lebenshilfe, keine Angriffsfläche für Kritik, geschweige denn attraktives unterhaltendes Beisammensein.

denkMALE bietet die Bühne, auf der ein Teil dieser verebbten Verständigung auflebt, und regt an, diese außerhalb des Theaters fortzusetzen. Wir untersuchen, wie viel sich innerhalb eines halben Jahrhunderts in Wahrnehmung und Einstellung der Menschen ändert. Nicht wissenschaftlich, aufgrund umfassender Feldstudien, sondern spielerisch und subjektiv. Die Quellen: Alltagsgeschichten, Fotos, Musik, Erinnerungen, festgehalten in Interviews der um die 1920 geborenen Generation, dargestellt von Schauspielern der um die 1970 geborenen Generation.

Mit den Schauspielern als Repräsentanten der Heute-Generation, entsteht so ein Bild über Gemeinsamkeiten und Differenzen zweier Zeiträume; eine Zeitreise im Reagenzglas - probieren, scheitern, neu ansetzen - Wege wie im Leben: Rennstrecken, Irrgänge, Scheidewege - eine unablässige Reibungsfläche zwischen damals und heute. Jeden Abend zwei neue Geschichten, über die vorab Hintergrundwissen über unsere Website erworben werden kann.

Die Akteure betreten die Bühne ohne Vorwissen über die von ihnen an diesem Abend zu verkörpernde Geschichte. Ein Moderator versorgt sie sukzessive mit Informationen. So erwächst aus einzelnen Situationen eine Collage um den Charakter einer Person. Gelebtes Leben wird Schritt für Schritt erobert und spielerisch mit heutigem Blick verhandelt. Es geht um Alltagsleben in Familie und Beruf, um Lebensziele und was aus ihnen wurde. Diese Geschichten stehen in enger Verbindung zu der Stadt, in der denkMALE aufgeführt wird. Kann es den Künstlern gelingen, sich das Lebensgefühl jener früher Geborenen zu erobern? Wie meistern sie emotional die Herausforderungen, welche die Menschen der Kriegs- und/oder DDR-Anfangs-Generation zu bewältigen hatten? Entdecken sie und damit auch der Zuschauer Parallelen zu eigener Familie, Beruf, Lebensentwürfen? Einmalig und unwiederholbar werden so Zeugnisse der Vergangenheit sowohl informativ wie auch sinnlich und emotional erfahrbar.

Mit denkMALE entsteht, was Theater einzigartig macht: eine außergewöhnliche Atmosphäre, gespeist von Gefühlen, Konzentration, Disziplin und - durch die Improvisation – eine wirkungsstarke Unmittelbarkeit und damit Authentizität in der Darstellung.

denkMALE geht über den Theaterabend hinaus, die Geschichten werden auf einer Website veröffentlicht. Durch die flexible Anlage des Abends und seinem unmittelbaren Ortsbezug streben wir eine Zusammenarbeit mit Theatern in verschiedenen Städten an, und möchten die „Theaterachse“ an der Bundesautobahn A9 mit denkMALE bereisen.

Zielgedanken
  • Lebensgeschichten der heute Ältesten sind unersetzliche Schlüssel zur Vergangenheit, zu Wissen und Erfahrung, die mit der Erzählergeneration verloren gehen, wenn sie nicht weiter gegeben werden
  • Wir möchten mehr erfahren über eine Etappe Stadtgeschichte und deutscher Geschichte, als es Bücher vermitteln können und damit die Verbundenheit der Menschen mit ihrem Umfeld verdeutlichen
  • Wir wollen die Bühne bieten, auf der ein Teil der immer mehr verarmenden Kommunikation auflebt und anregen, diese außerhalb des Theaters fortzusetzen
  • Wir möchten ein Stück der Isolation aufbrechen, der alte Menschen oft ausgesetzt sind, ihnen Wertschätzung und Würde für ihr Lebenswerk Ausdruck verleihen
  • Das Projekt hat, neben der Tatsache, dass es als Kunstwerk, das an jedem Abend Form und Inhalt neu entstehen lässt, eine deutliche soziale und geschichtliche Komponente und gesellschaftspolitische Relevanz
  • Dabei geht das Projekt weit über eine bloße Dokumentation hinaus, wir wollen die Bühne und den Schauspieler, weil…
    • wir die Geschichte der Person erzählen wollen, nicht die Person mit einer Geschichte
    • Geschichten spannend erzählen eine Kunst ist, die nicht jedem liegt
    • der Schauspieler die Emotion spielt, die dem Erzähler oft fehlt
    • der Schauspieler zwischen den Zeilen spielen kann
    • die Originalperson altersbedingt nicht mehr in der Lage oder nicht Willens ist, sich auf der Bühne mitzuteilen
    • eine vermeintliche Objektivität bei Erzählungen durch die Originalperson ohnehin nicht gegeben ist, da die Geschichte bereits beim ersten Wiedergeben bewertet und damit ästhetisiert erzählt wird
  • denkMALE geht weiter über die Grenzen des Theaterabends hinaus. Die gesammelten Geschichten werden auf einer Website öffentlich zugänglich gemacht. Andere Veröffentlichungsformen sind möglich
  • denkMALE ist inhaltlich an den Ort gebunden, an dem es stattfindet. Organisatorisch und von der Ausstattung her flexibel gestaltet, bietet sich aber an, denkMALE durch mehrere Orte reisen zu lassen – immer auf der Suche nach charakteristischen (Stadt-) Geschichten. Wir sind im Gespräch mit Theatern und Veranstaltungsorten in Leipzig, Berlin, Magdeburg und Halle. Auch in Jena, Gera und Potsdam suchen wir derzeit Kooperationspartner