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denkMALE – Lebensgeschichten zwischen
Authentizität und Improvisation

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mephisto Radio 05.05.06

Magazin Faustschlag von Radio mephisto Leipzig
Donnerstag, 05. Mai 2006

Rezension Denkmale

Wenn Oma und Opa beginnen zu erzählen, seufzen die Enkel und hören oft nicht weiter zu. Dabei haben alte Mensch oft viel interessantes zu erzählen. Das ist auch der Gedanke hinter einem Projekt namens Denkmale, das gestern Abend im Lofft seine Premiere hatte. Hier werden alte Geschichten mit Improvisationstheater verknüpft. Marten Hahn hat sich Denkmale für uns angeschaut.

"Ja und hier sehen wir einen original Schlagstock der Polizei von 1923 und wie wir gehört haben, haben die ja geklaut wie die Raben. Und so war es auch an diesem Frühlingsmorgen, es war ein Freitag. Ein Schutzpolizist machte eine Runde und passte einen Moment nicht auf und Herr Becker war zur Stelle und hat sich diesen Schlagstock ergattert und er war eine Woche lang der Held der ganzen Schule."

Herr Becker ist der Hauptdarsteller des Abends, ohne einmal die Bühne zu betreten. Von einer großen Leinwand herab erzählt er dem Zuschauer aus seinem Leben. Das ist authentisch und wahr. Was jedoch auf der Bühne passiert ist frei erfunden und improvisiert. So auch die Schlagstock-Anekdote.

Nach einer Idee und unter der Regie von Armin Zarbock entstand Denkmale, eine Symbiose aus Dokumentation und Schauspiel. Pro Abend kommt einer von zehn Senioren in einem Filminterview zu Wort. Vier Alter-Egos auf der Bühne nutzen die eingespielten Ausschnitte der Interviews und spinnen die Gedanken weiter. Teilweise auf eigenen Zwischenruf, teilweise nach Szenenanweisung des Regisseurs Zarbock. Dieser weiß, wie es zu der Idee gekommen ist:

"Meine Grundidee war: wo gibt es noch Geschichten. Weil ja so viele Menschen nach Stoffen, nach Drehbüchern, nach Theaterstücken suchen und dann war nahe liegend, aber ich bin nicht gleich darauf gekommen, sondern erst nach ein paar Jahren, ältere Generationen zu befragen. Weil die haben die Geschichten. Und das ist die letzte Generation die wir befragt haben, die den Krieg noch erlebt hat als Soldat, also in einem Alter wo es ihnen so wirklich bewusst war. Deshalb ist da auch so eine gewisse Zeitnot da. Dann in zehn Jahren gibt's die alle nicht mehr. Wenn ich das hier mal so sagen darf. Ich hoffe dass es sie noch gibt, aber wir sind ja alle endlich."

Vergangenheit und Gegenwart beeinflussen sich in Denkmale gegenseitig. Die Schauspieler reagieren in einem Wechselspiel aus Film, Fotos und vermeintlichen persönlichen Gegenständen des Protagonisten auf der Leinwand. Eingestreut werden historische Eckdaten, Poesie und Akkordeonmusik mit Gesang. Das alles geschieht ohne Vorwissen der Schauspieler und ohne Absprache untereinander. Natürlich kann es da auch zum Blackout kommen. Wie man als Schauspieler mit diesem Problem fertig wird erzählt Jörg Dathe, einer der vier Herrn Beckers an diesem Abend:

"Man muss dann lernen mit diesem Punkt des Scheiterns umzugehen. Man muss dann eine Methode finden wie man über diese Stelle hinweg kommt. Es ist verrückt, je mehr Angst man hat zu scheitern, desto schwieriger wird es. Aber manchmal löst sich der Knoten auch und dann kommt man da… auf ne ganz erstaunliche Weise speist dann plötzlich das Unterbewusstsein ein Idee aus und die hilft einem dann weiter, meistens."

Am Abend des Herrn Becker scheint es zu helfen. Das Spiel variiert fließend zwischen Ernst und Komik. Der Interviewte ist ein fesselnder Erzähler und berichtet mit großer Gestik von Kriegserlebnissen und gibt witzige Alltagsanekdoten zum besten. Die Schauspieler greifen das auf. Mal diskutieren sie über das Dritte Reich und streiten sich über vergangene historische Ereignisse die Herr Becker anspricht. Mal reisen sie in die DDR-Zeit und mimen Familie Beckers erste Begegnung mit dem Meer. Das alles lebt von der Fähigkeit der vier Schauspieler sich Situationen sofort zu erschließen. Je nach Thema geben sie sich nachdenklich oder komödiantisch.

So entsteht ein kurzweiliger Theaterabend. Selbst wer Geschichten von früher für langweilig hält, wird sich von Denkmale unterhalten fühlen. Was genau das Publikum erwartet ist schwer zu sagen. Jede Vorstellung ist einzigartig. Selbst die Schauspieler wissen nicht was auf sie zukommt. Es ist jedoch sicher: Langeweile hat keinen Platz.

Morgen findet im Lofft die nächste Vorstellung statt. Dann wird ein anderes Leben auf der Leinwand erzählt und fordert das Improvisationstalent der Schauspieler.

Marten Hahn